Das spirituelle Enneagramm und

neun Charakterfixierungen

Ein Gespräch mit dem spirituellen Meister OM C. Parkin

Das Enneagramm der Charakterfixierungen ist ein wirkungsvolles Instrument,
das die unterbewussten Strukturen des Geistes wie eine innere Landkarte vor uns ausbreitet.
Es zeigt neun verschiedene Charaktertypen auf, die nicht nur unsere Persönlichkeit, sondern auch unsere wahre Natur widerspiegeln.
In diesem Gespräch wird die wesentliche Unterscheidung von subjektiven und objektiven Enneagrammen getroffen und
der Wert der Einbettung des Enneagramms in eine spirituelle Lehre beschrieben.

In unserem Gespräch geht es um das spirituelle Enneagramm. Dieses Werkzeug ist eine wesentliche Grundlage für die innere Arbeit. Ist die Einbettung dieses Werkzeugs in die höhere Lehre das, was du die spirituelle Dimension des Enneagramms nennst?

Natürlich, die spirituelle Dimension des Enneagramms kann erst dann wirklich reifen, wenn das Enneagramm eingebettet in eine spirituelle Lehre vermittelt werden kann, indem einerseits die tieferen spirituellen Dimensionen dieses Werkzeuges Raum haben,
aber eben andererseits auch vermittelt wird, dass dieses Konzept Grenzen hat.
Das Enneagramm selbst kann man nicht als eine spirituelle Lehre, auch nicht als ein spirituelles Konzept verstehen, es ist neutral. Es ist ein Konzept, das relative Wahrheiten von relativen Lügen oder umfassender gesprochen, von Illusionen, durchaus unterscheiden kann. Das Enneagramm ist ein ziemlich genialer Spiegel, aber was ich aus diesem Spiegel herauslesen kann, hängt von der Bewusstseinsstufe des Lesenden oder des Lehrers ab, der in der Lage ist dieses Instrument anzuwenden.

 

Wie würdest du dann diese Unterscheidung treffen, also zwischen einer Einbettung in die Psychologie und dieser größeren Einbettung, widersprechen die sich dann oder wie hängen die zusammen?

Also eine wesentliche Unterscheidung in den Lehren des Enneagramms ist ja, zwischen, wie die Almaas-Schule es nennt, subjektiven und objektiven Enneagrammen. Ich könnte auch sagen Enneagrammen des Nicht-Ichs und Enneagrammen des Ichs, oder ich könnte auch sagen, den Enneagrammen des Ichs und den Enneagrammen der Seele. Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Unterscheidungen zu treffen. Ich denke da, wo der Begriff ‚Seele‘ wirklich tiefere Bedeutung findet, da zeigt sich dann die tiefere Dimension, das heißt, solange wir uns nur mit dem Enneagramm der Charakterfixierungen beschäftigen, solange ist das Enneagramm ein psychologisches System. Wenn wir es jetzt auf bestimmte Strukturen beziehen in denen der Mensch lebt – Schein-Realitäten – um Realitäten eines tieferen Systems im Menschen aufzeigen zu können, das nicht vom Ich bestimmt wird, dazu braucht es den Begriff der Seele. Vereinfacht gesagt kann man diesen Begriff den sogenannten objektiven Enneagrammen zuordnen, also ein Beispiel für ein objektives Enneagramm ist das Enneagramm der Tugenden oder der heiligen Ideen. Das sind objektive Enneagramme, die nichts mit dem zu tun haben, was ein gewöhnlicher Mensch als Ich bezeichnet. Ich und meine Welt, meine Sorgen, meine Probleme, meine Wünsche, all das sind die subjektiven Enneagramme.

 

Also objektiv ist das, was über meine Ich-Welt hinausgeht.

Das könnte man so sagen.

 

Eine Frage die oft gestellt wird ist, wieso ist es überhaupt so wesentlich meine Ich-Welt so gut zu kennen. Warum ist diese Kenntnis über die Ich-Struktur, die ich ja letzten Endes gar nicht wirklich bin, überhaupt so wesentlich?

Es handelt sich um eine Fragestellung, die offenbar die Macht des sogenannten Unter-Bewusstseins nicht kennt. Es geht darum die Dimension des Unter-Bewusstseins ins Bewusstsein zu holen. Das Unter-Bewusstsein wird von gewöhnlichen Menschen praktisch nicht gekannt und von vielen beginnenden Beschreiten des inneren Weges unterschätzt. Und das ist eine der großen Stärken des Enneagramms. Es gibt einen sehr klaren und ungetrübten Spiegel des Unter-Bewusstseins dieser Ich-Struktur. Die Ich-Struktur kann man auch so beschreiben: ein kleiner Teil der sogenannten Ich-Blase des Menschen ist die Spitze des Eisberges, die sich über der Wasseroberfläche befindet, der große Teil befindet sich unter der Oberfläche. Den können wir erst einmal als Unter-Bewusstsein, als unterbewusstes Geschehen zusammenfassen und das hat ja die Macht über die Ich-Welt, über die Realität eines Menschen, nicht das, was er bewusst denkt oder fühlt.

 

Ja, das habe ich selber auch so erlebt, als Teilnehmerin der Enneagrammausbildung und auch als Lehrerin, dass der Versuch, dieses Wissen getrennt vom eigenen Standpunkt und der eigenen Begegnung damit, gar nicht möglich ist.

Sagen wir mal so, es ist möglich, aber es verkommt dann in gewisser Weise zu einer Form der Scheinheiligkeit, wenn ich einfach nur Wissen aus zweiter Hand weitergebe, das sich dieser Geist mental erarbeitet hat. Es ist etwas grundlegend anderes, wenn ich das, was ich als Enneagramm-Wissen vermittele, im eigenen Prozess meines Lebensweges durchdrungen habe. Das wäre dann die Vermittlung aus erster Hand. Ich bin gerade auch bei Psychotherapeuten diesem Phänomen begegnet, dass sie im Grunde angelesenes Wissen aus zweiter Hand vermitteln, dass sie mit Konzepten arbeiten, die selbst in ihrem eigenen Erfahrungsweg gar nicht durchdrungen sind. Die Früchte sind aus Sicht des Reifungs- und Erkenntnisweges entsprechend begrenzt. Ich meine nicht nur für den Therapeuten, sondern natürlich auch für denjenigen, mit dem ich arbeite in Bezug auf das Enneagramm. Der Prozess der Arbeit mit dem Enneagramm geht immer nur so weit, wie derjenige gehen kann, der mit diesem Konzept arbeitet. Es geht nicht so weit, wie das Enneagramm an sich gehen kann. Das Enneagramm an sich hat auch eine Grenze, es ist ein relatives Konzept und kann nichts über das Absolute aussagen.

 

Und über die Beschaffenheit der Grenzen gibt das Enneagramm ja viele Informationen.

Ja, das ist eine der Hauptinformationen, die das Enneagramm vermittelt, nämlich dir die Grenzen deiner Welt aufzuzeigen, die aufrecht erhalten werden durch ein strategisches Abwehrsystem, das zunächst schwer durchdringlich zu sein scheint und dann bei präziser Anwendung von Enneagramm-Wissen immer deutlicher zutage tritt. Dieses scharfe Sehen ist immer der erste Schritt, denn erst das Sehen kann überhaupt die Unterscheidung hervorbringen, ist das Ich oder ist das Nicht-Ich, bin ich das oder bin ich das nicht. Wenn ich das so sage, ist das auch noch einmal ein Hinweis auf diese sehr pauschale Fragestellung, die du am Anfang genannt hast, „Warum beschäftigt ihr euch mit dem, was ihr dann letztlich gar nicht seid?“ Das ist eine vorweggenommene Fragestellung, denn eine Antwort auf diese Frage gibt es eben immer erst dann wirklich, wenn der Moment scharfen Sehens mittels des chirurgischen Instruments, das dir das Enneagramm zur Verfügung stellt, auch wirklich Unterscheidungskraft hervorbringt. Wenn du das dann sehen kannst, dass das Nicht-Ich ist, dann brauchst du dich nicht mehr damit beschäftigen.

 

Ein Phänomen, was ich so beobachte in der Beschäftigung mit dem Enneagramm ist, dass ich immer wieder die Wahrnehmung habe eigentlich am Anfang zu stehen. Da schätze ich das Enneagramm sehr, weil ich das Gefühl habe, es zeigt sich immer wieder eine neue Schicht. Ich werde in eine Wachheit gebracht, wieder ganz neu Hinzuschauen, und das hat für mich einen großen Wert in der Beschäftigung mit dem Enneagramm.

Also, für das Enneagramm gilt das, was vermutlich für andere metaphorische Konzepte auch gilt: Je länger ich mich mit dem Enneagramm beschäftige, desto weniger weiß ich darüber. Ich erinnere mich auch selber an meine Zeit, das war in den 80er Jahren. Nach dem Lesen eines Enneagrammbuchs gibt es erst einmal Einblicke, die natürlich auch Durchbrüche sind in der Betrachtung geistiger Welten. Mir ist kein anderes System bekannt, das so präzise und eben eingebunden ist in eine Kosmologie, die diese Gesetzmäßigkeit in der geistigen Welt beschreiben kann. Und die Brillanz dieses Systems ist erst einmal betörend, doch dann kommt in der weiteren Beschäftigung eine schwierigere Phase. Diese erste Phase ist eine euphorische Phase, in der du beginnst zum ersten Mal gewisse Tendenzen in Menschen auch zu sehen. Und dann kommt die schwierigere Phase, wo dann alles wieder viel komplizierter wird und du das Gefühl hast, eigentlich hast du gar nichts verstanden. Das war nur ein oberflächliches Verstehen und dann zeigt sich deine Ernsthaftigkeit, ob du wirklich mehr wissen willst und über diese anfänglichen Belohnungsmomente hinauswächst. Dieses System kann nicht durch ein Buch vermittelt werden, es steht in der mündlichen Tradition. Es gibt keine Möglichkeit der schriftlichen Vollvermittlung, weil die Einbettung das entscheidende ist.

 

Wir haben über Grenzen gesprochen und das es ganz natürlich ist an Grenzen zu kommen. Könntest du Beispiele nennen von Grenzen aus fixierten Welten, an die jemand stößt?

Ja, es gibt drei Grenzen, die sich aus den drei Ebenen beschreiben, die das Enneagramm aufzeigt. Die Grenzen, an denen die sogenannten Zorn-Fixierungen stehen, die haben natürlich unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Facetten, aber eigentlich ist es das Gleiche. Es ist immer eine Form von Widerstand, die mit der Fixierung im Zorn verbunden ist. Und dann gibt es die Gegenbewegung, die mit dem System Angst in Verbindung steht. Das sind Grenzen, die im weitesten Sinne mit einem Fluchtimpuls in Verbindung stehen, also einer Rückbewegung. Und eine dritte Form von Grenzen steht in Verbindung mit Wunschwelten, die Idealisierungen der eigenen Person hervorbringen oder, die dann wiederum in das Gegenteil kippen. Das sind drei Kontexte, in den Grenzen aufgezeigt werden. Es kommt in dem Moment darauf an, ob derjenige in dem Bewusstseinsstand ist, dass er an dieser Grenze Wirklichkeit von Unwirklichkeit unterscheiden kann. Kann er das nicht, könnte es sein, dass die Grenze hart wird.

 

Und hier hilft ja die Kenntnis über meinen Geist, welcher Geist da eigentlich wirkt.

Eben und diese Kenntnis ist sehr wesentlich. Insbesondere für den modernen westlichen Menschen ist dieses Wissen sehr wertvoll, denn es bewahrt die Menschen davor in die Falle des Absoluten zu laufen. Also in Fallen zu laufen, in denen höheres spirituelles Wissen nur konzeptuell vom Geist verarbeitet und verstanden wird. Das ist der mühsame Aspekt des Weges: Die Macht des Unterbewusstseins zu brechen, diese Bereitschaft aufzubringen, genau da hinzusehen, wo sich doch auch kleine, hässliche Seiten der Widerstandswelt des Ichs zeigen. Das Ich ist letztlich immer eine Form von Widerstand.

 

Vielleicht kann die Enneagrammausbildung in Menschen überhaupt diese Bereitschaft nähren, auch diesen, eben auch mühsamen Weg zu gehen. Ich sehe die Enneagrammausbildung der Inneren Schule durch diese Einbettung in eine wirklich spirituelle Dimension, die du vorhin erwähnt hast, als etwas für mich Einzigartiges. Ich würde dich gern noch fragen: für wen siehst du denn so eine Ausbildung? Also braucht jemand bestimmte innere Voraussetzungen? Ist die Bereitschaft oder ein Angezogensein ausreichend?

Die Bereitschaft ist eine umfassende Tugend, die von größerer Bedeutung ist als angelesenes Vorwissen.

 

Also es braucht weniger angelesenes Wissen als Bereitschaft für Selbstbegegnung?

Wenn wir diesem unschuldigen Zustand des Kindes in uns offen begegnen können, sind wir von dem, was auch in den höheren Lehren als Bereitschaft vermittelt wird, nicht weit entfernt. Es ist die Bereitschaft eines Systems etwas aufzunehmen und das Kind ist nur eine Metapher. Es beschreibt im Wesentlichen diesen unschuldigen Aspekt der Lernfähig- und Willigkeit. Denn Lernfähigkeit, die Aufnahmefähigkeit von Menschen ist begrenzt und erstaunlicherweise häufig insbesondere von Menschen, die bereits sehr viel Halbwissen angesammelt haben. Letztlich ist dieser Zustand von jedem Menschen, der ein gewisses Maß an Selbstaufrichtigkeit mitbringt, zu erlangen. Ich würde sagen, so eine Ausbildung kann nur von Menschen gemacht werden, die selbst auf dem inneren Weg sind, auf irgendeine Art und Weise, sodass sich die Vermittlung des Enneagramms aus ihren eigenen inneren Erfahrungen speist. Dann ist das eins, dann ist das nicht mehr ein getrennter Zustand.

Danke OM.

Das Gespräch führte Luna U. Müller, Gut Saunstorf, 27. April 2020

OM C. Parkin – Weisheitslehrer, Philosoph und Buchautor, Lehrer des Enneagramms und Begründer der Enneallionce – Schule für Innere Arbeit. OM vermittelt zeitloses, von Kultur und Religion unabhängiges Wissen, das den Menschen eine universelle Lehre nahebringt und begleitet sie auf dem inneren Weg zum essentiellen Kern ihres Seins. OM C. Parkin hat das Instrument des Enneagramms nach seiner eigenen Ausbildung zu Beginn der 90er Jahre in der Inneren Arbeit mit Schülern des Weges vertieft und verfeinert. Seine tiefen Einblicke in die menschliche Geistesstruktur gibt er nach alter Tradition mündlich weiter. www.om-c-parkin.de

Luna U. Müller – Lehrerin für innere Arbeit und das Enneagramm. Sie begleitet Menschen auf ihrem inneren Weg in Gruppen, Einzelsitzungen und Heilkreisen. Das Wissen um das spirituelle Enneagramm sieht sie als Grundlage für die Selbsterforschung, was in viele ihrer Seminarthemen mit einfließt. www.luna-mueller.de