Enneagramm Typ 9
– Der Archetyp des Heiligen

Der Weg der Tat

Das Thema Bequemlichkeit betrifft jeden von uns in mehr oder minder starkem Maße. Bequemlichkeit bedeutet aber nicht, ständig träge herumzusitzen. Punkt NEUN im Enneagramm ist ein Mensch, der oftmals sehr viel tut und ständig in Bewegung ist. Aber genau da liegt das Problem. Er tut viel – aber leider viel Unwesentliches. Auf das Wesentliche kommt er nicht, denn er lenkt sich mit dem Unwesentlichen ab.

Das Enneagramm beschreibt Bequemlichkeit als eine innere Trägheit, einen Unwillen, mich mit mir selber auseinanderzusetzen. Stattdessen gehe ich den Weg des geringsten Widerstandes, den Weg der Anpassung und der falschen Harmonie. Ich vermeide Konflikte und bin nach außen der freundlichste Mensch der Welt – darunter jedoch liegt schlafender Zorn.

Der heilige Weg, den das Enneagramm an Punkt NEUN nennt, wird Tat genannt. Die Tugend der Tat ist im Grunde sehr einfach. Sie besteht aus zwei Teilen: Zu erkennen, was zu tun ist – und … es zu tun! Beides fällt uns oft schwer – das gilt nicht nur für Menschen vom Typ NEUN.

Trägheit scheint auf den ersten Blick einen Mangel an Energie zu bedeuten. Aber das täuscht. Das Enneagramm zeigt beim Typ NEUN, daß sich unter der Trägheit eine ungeheure Kraft verbirgt – die Kraft des heiligen Zorns. In Bezug auf die Tugend der Tat mag es paradox klingen: Indem wir das Wesentliche tun, erwecken wir diese Kraft in uns. Und genau diese Kraft gibt uns dann die Energie, auch weiterhin das Wesentliche zu tun…

„Der Zorn ist eine Tugend:
Er überwindet die Trägheit“

Wysten Hug Auden

Wahre und falsche Autorität

Punkt 9 spiegelt eine Form von Autorität die auf den ersten Blick praktisch nichts mit dem landläufigen Bild von Autorität zu tun hat. Es ist wohlwollende Autorität, die jeden so läßt, wie er ist, die Andersdenkende nicht ändern, sondern sie in das Ganze integrieren will. Hier wirkt die Autorität des Moderators und Integrators. Die Schattenseite kann sehr deutlich am Beispiel der anti-autoritären Erziehung gesehen werden, wo eine Weigerung, Grenzen zu ziehen, gewalttätige und respektlose Kinder heranbildet. So sinnvoll Laissez-Faire auch sein mag, wenn es jedoch durch Bequemlichkeit zu einem Konzept wird, dann wird es früher oder später Gewalt hervorbringen.

Begegnung mit Liebe

Der Kreis schließt sich an Punkt NEUN, dem Archetyp des Heiligen. Dieser verkörpert eine allseits akzeptierte Form der Liebe in Gestalt von Freundlichkeit, Akzeptanz und Mitgefühl. Eine NEUN versteht und liebt jeden so wie er ist. Sie versorgt, kümmert sich, tut alles für andere. Was für die Umgebung einer NEUN durchaus angenehm sein kann, geht für die NEUN oft mit Selbstaufgabe einher. Die NEUN spiegelt unsere Verwechslung von Liebe mit Harmonie. Wir tun viel dafür, dass Konflikte unter dem Tisch bleiben und dass die Harmonie gewahrt bleibt. Punkt NEUN zeigt uns, dass Liebe mit Akzeptanz zu tun hat und tatsächlich immer wieder auch ein Aufgeben meiner festen Standpunkte beinhalten kann. Aber es zeigt uns auch, dass falsche Harmonie das Ende der Liebe ist, dass Streiten und Zorn ein Ausdruck von Liebe sein kann. Also, sind wir bereit, die Konfliktvermeidung zu beenden, auch wenn die Harmonie den Bach runtergeht? Sind wir dazu bereit?

von Boris Fittkau

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