Enneagramm Typ 5
Der Archetyp des Philosophen

Der Weg der Nicht-Anhaftung

„Geiz ist geil!“ Dieses durch die Werbung salonfähige Lebensmotto könnte man ohne weiteres als groteske, comic-hafte Übertreibung des Enneagramm-Typs FÜNF verwenden. Denn tatsächlich ist der Geiz (eine der sieben christlichen Todsünden) in dieser Persönlichkeit die antreibende Kraft. Hier finden wir Menschen, die oft asketisch leben und wenig besitzen, aber dieses Wenige ängstlich vor der Welt schützen wollen. Typ FÜNF lebt ein Leben in Rückzug und Isolation von der Welt.

Geiz bedeutet das leidenschaftliche Anhaften an Besitztümern und die Unfähigkeit, diese loszulassen, sie zu geben oder zu schenken. Geiz ist das Festhalten an dem wenigen, das mir gehört. Im Kern meint Geiz einen Mangel an Großzügigkeit nicht nur in Bezug auf materielle Dinge, sondern vor allem in Bezug auf mich selbst, meine Kraft, meine Emotionalität, meine Qualitäten – meinen Schatz. Ich geize mit mir selbst.

Typ FÜNF spiegelt für jeden von uns die Tendenz, festhalten zu wollen, uns nicht voll einzubringen und unsere Energie für später aufzusparen. Wir lassen uns nicht ganz auf das Leben ein, wir halten zurück – wir geben nicht alles.

Der Weg der Nicht-Anhaftung bedeutet, die Zurückhaltung vor dem Leben aufzugeben und den Schatz des Herzens der Welt zur Verfügung zu stellen. Nicht-Anhaftung ist wirkliche Großzügigkeit. Ich gebe alles! Im wahrsten Sinne des Wortes. Egal, ob ich glaube, dass es reicht, egal, was die anderen denken. Ich gebe alles! Und ich erlebe mit Erstaunen, dass dieses Geschenk immer angenommen wird. Im Schenken meiner selbst erkenne ich das Geschenk des Lebens.

„Wir haben nur,
was wir nicht halten.“

Thornton Wilder

Wahre und falsche Autorität

An Punkt 5 finden wir die Autorität des Philosophen, der wie Faust danach strebt „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Es ist eine Autorität, die aus der Fähigkeit schöpft, sich nicht in der Welt zu verlieren, sondern über sie zu lernen – „in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein.“. Der Mißbrauch von Autorität an Punkt 5 spiegelt sich in den Theorien weltfremder Wissenschaftler, die niemals einen Fuß in das praktische Leben gesetzt haben, aber glauben, die Welt verstanden zu haben.

Begegnung mit Liebe

Der Nachbar der VIER, Enneatyp FÜNF, hat bereits erkannt, dass Liebe nicht in der Ferne liegt  und auch nicht in der Welt der Gefühle zu finden ist. Jedoch, hat die FÜNF dies ein wenig zu wörtlich genommen. Anders ausgedrückt: Hier finden wir den Teil in uns, der bereits aufgegeben hat, die Liebe in der äußeren Welt zu finden, und sich ganz in eine innere, geistige Welt zurückgezogen hat. Die zentralen Antriebskräfte der FÜNF werden Geiz und Habsucht genannt. Keine guten Voraussetzungen für Liebe. Aber gottseidank sind wir ja nicht geizig – wir geben viel und gerne und sind bereit, uns von der Liebe und dem Leben voll nehmen zu lassen, und alles zu geben. Oder? Punkt FÜNF sieht das anders und spiegelt damit für jeden von uns die tiefsitzende Angst, von der Liebe verschlungen zu werden, wenn wir uns für sie öffnen. Die Frage an Punkt FÜNF könnte lauten: Bin ich bereit, den Schatz, den ich in mir trage, mit meinem Mitmenschen zu teilen? Bin ich bereit, anderen den kleinen Finger zu reichen und wenn sie wollen, die ganze Hand gleich hinterher – und dann vielleicht sogar mich selbst. Aber wollen wir das überhaupt? Uns ganz schenken? Jeden Rückzug aufgeben? Eine Horrorvorstellung nicht nur für die FÜNF. Der Schatz der Liebe an Punkt FÜNF wird im Archetypen des mystischen Philosophen gespiegelt, der in sich den tiefen Wunsch spürt, wie Goethes Faust, wirklich zu erkennen „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Letztlich sucht der Philosoph nach einem tiefen Verstehen, was Liebe ist. Punkt FÜNF spiegelt Liebe als Weisheit und ruhiges, kontemplatives Schauen auf die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Ich habe keine Anhaftung mehr an die Welt, trotzdem bin ich voll und ganz Teil davon. Ich bin „in der Welt, aber nicht von der Welt“.

von Boris Fittkau

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