Enneagramm Typ 4
– Der Archetyp des Künstlers

Der Weg des Gleichmuts

Die Neidischen sind frustriert, wenn sie in der Hölle ankommen und feststellen, daß für sie kein Platz reserviert ist. An Punkt VIER des Enneagramms wird eine Persönlichkeit beschrieben, die von Neid angetrieben wird. Die innere Atmosphäre ist geprägt von vielen Hochs und Tiefs, von ständigem Vergleichen mit anderen und einer tiefen Sehnsucht nach dem ewig Unerfüllten. Der Geliebte existiert, aber er ist in der Ferne – am Horizont reitet er auf einem weißen Pferd. Und das ist gut so, denn würde er zu mir kommen – wonach sollte ich mich dann noch sehnen? So absurd es klingen mag: Erfüllung ist für die VIER – und vielleicht für jeden von uns – eine wirkliche Bedrohung.

Punkt VIER spiegelt die innere Überzeugung, daß wir die Erfüllung unserer Sehnsucht nicht erlangen werden und daß wir für immer von unserer inneren Essenz, unserem Ursprung abgeschnitten sind. Jeder kennt in sich das Gefühl, daß etwas mit ihm nicht stimmt, daß es einen Makel gibt und er es deshalb nicht wert ist, geliebt zu werden. Aus einem inneren Mangel heraus vergleiche ich mich mit anderen und glaube, daß sie besser sind als ich, glücklicher, zufriedener – daß sie ES gefunden haben.

Die Tugend des Gleichmuts richtet sich an unsere Tendenz, uns mit inneren Gefühlsschwankungen zu identifizieren. Gleichmut ist eine Gemütsstimmung, welche weder durch Glück noch durch Unglück außer Fassung gerät. Gleichmut ist nicht Gleichgültigkeit, sondern eine ausgeglichene Geisteshaltung von Unbefangenheit und Unparteilichkeit gegenüber allen fühlenden Wesen. Im Gleich-mut endet das Ver-Gleichen und damit auch der Neid. Alles, was innerlich und äußerlich auftaucht, wird willkommen geheißen. In einem gleichmütigen Geist heiße ich mich selbst willkommen – so, wie ich bin und darin kehre ich zu mir selbst zurück.

„Man sollte die Dinge
nicht so tragisch nehmen, wie sie sind.“

Karl Valentin

Wahre und falsche Autorität

An Punkt 4 finden wir die Autorität des Künstlers, der kreativ das Neue entdeckt und Gestalt werden lässt. Dabei ist er sich bewusst, daß er das Instrument ist, durch das der göttliche Schöpfer in dieser Welt wirkt. Der Missbrauch der Autorität besteht in der Aneignung der Schöpferkraft: „Ich bin der Schöpfer und Schaffende, ich schuf dies Werk!“ Die Welt als Jammertal erscheinen und in Armut, Elend, Not und Tod versinken zu lassen, ist die dunkle Seite des Autoritätsmißbrauchs.

Begegnung mit Liebe

VIER. Wir sind beim Archetyp des Künstler angelangt, der uns zeigt, dass Liebe etwas Kreatives, Neues und Besonderes ist. Im Schatten des Künstlers zeigt sich der tragische Romantiker, für den Liebe ein sehnsüchtiges unerfülltes Warten auf den Märchenprinzen ist, der nicht kommt – hoffentlich, denn würde er kommen, nach was sollten wir uns dann noch sehnen? Hier versteckt sich unsere Vorstellung, dass die Liebe sich nie erfüllen kann, dass Liebe nur in der Ferne zu finden ist und dass sie romantisch, intensiv und verzehrend sein muss. Was aber wäre, wenn Liebe gar kein Gefühl wäre, wenn es gar nicht im Besonderen und Extremen zu finden ist – sondern im ganz Gewöhnlichen und Alltäglichen? Was wäre dann? Eine VIER zumindest wäre spätestens jetzt sicher, mit dem falschen Partner zusammenzusein. Und weiter würde die Suche nach dem Märchenprinzen auf dem weißen Pferd gehen, weiter würde sich die Spirale von Täuschung und Enttäuschung drehen. Punkt VIER spiegelt die unangenehme Wahrheit, dass es gerade unsere Suche nach Liebe ist, die uns die Liebe nicht erkennen lässt. Bin ich bereit, damit aufzuhören und Liebe in dem zu erkennen, was da ist? Bin ich bereit zu lieben?

von Boris Fittkau

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