Enneagramm Typ 2
– Der Archetyp der Mutter

Der Weg der Demut

Demut hat für viele Menschen einen äußerst ambivalenten Klang. Wir denken an Demütigung, an Unterwerfung, an Dienen bis zur Selbstaufgabe – kurz, wir denken an falsche Demut, an imitierte Demut. Was aber sind die Wurzeln falscher Demut und was ist wirkliche Demut?

Das Enneagramm beschreibt an Punkt ZWEI eine Persönlichkeit, die sich im Verborgenen ungeliebt fühlt und sich aufmacht, die Liebe von Außen zu bekommen; auf einen einfachen Nenner gebracht: „Wenn Du mich liebst, lieb ich mich auch!“ Und dafür tue ich alles: ich erfülle Deine Bedürfnisse, und vermeide meine eigenen, ich unterstütze Dich, ich schmeichle Dir – kurz: ich werde zu der Person, die Du haben willst. Wichtig ist, daß ich selber mir nicht mehr bewußt bin, wie abhängig ich von der Liebe anderer bin, denn ich mache mir vor, aus freiem Willen und in tiefster Demut Liebe zu geben. In der Tiefe aber ist Stolz der Antrieb – Stolz auf meine Liebesfähigkeit, Stolz auf meinen Wert, Stolz darauf, dass ich geliebt werde – und Stolz, natürlich, auf meine Demut.

Wir sehen, daß falsche Demut immer aus einem unbewußten Mangel heraus entsteht und ein strategischer Versuch ist, Liebe zu bekommen. Ausgehend davon wird deutlich, dass wirkliche Demut nichts mit Abhängigkeit zu tun haben kann, im Gegenteil. Nur jemand, der sich selber liebt und unabhängig vom Urteil anderer ist, kann demütig sein. Demut basiert auf innerer Stärke und bedeutet, sich selber weder zu unterschätzen (das ist Klein-Mut), noch zu überschätzen (das ist Hoch-Mut). Demut heißt, meine Grenzen zu kennen, mich weder als Über-mensch, noch als Unter-mensch zu sehen, sondern einfach – als Mensch.

„Demut ist eine merkwürdige Sache:
Wenn man glaubt, sie zu haben,
hat man sie gerade verloren!“

Hülse

Wahre und falsche Autorität

An Punkt 2 finden wir die Autorität der Mutter, die ihre Kinder und alle Schutzbefohlenden unterstützt und fördert. Auf der Schattenseite dieses Punktes offenbart sich ein subtiler Mißbrauch von Autorität, wenn die Mutter ihr Kind durch „falsche Liebe“ hin zu einem Ziel bewegen will. Mißbrauch von Autorität zeigt sich hier als „liebevolle“ Manipulation, damit ein Bild erschaffen wird, das in den Augen der Gesellschaft liebenswert und bedeutsam ist.

Begegnung mit Liebe

Was die EINS erst mühevoll lernen muß, scheint Typ ZWEI bereits in sich zu tragen. Hier spiegelt sich der Archetyp der Mutter, die wohlwollend und nährend ihre Kinder in das Erwachsensein hinein begleitet. Hier erscheint Liebe in ihrer mütterlichen Form als Geben, als Unterstützen, als Fördern durch Lob und Anerkennung. Im Schatten der Mutter liegt die Über-Mutter, die gibt, um etwas zu bekommen. Die Liebe wird nicht freigiebig vergeben, ein Rückfluß wird erwartet – und wehe, er kommt nicht… Punkt ZWEI spiegelt die Todsünde des Stolzes, der dadurch genährt wird, daß andere mich für das lieben, was ich für sie tue. Auf dem inneren Weg wird sich Liebe deshalb immer wieder auch als Demütigung zeigen. Die Frage, die die ZWEI daher für alle aufwirft ist: Bin ich bereit zu lieben, auch wenn meine Liebe nicht erwidert wird? Bin ich bereit zu geben, auch wenn nichts zurückkommt? Bin ich das? Und noch weitreichender: Bin ich bereit, dass die Liebe meinen Stolz demütigt. Kann ich eine Demütigung als Form der Liebe erkennen?

Wo wir gerade unbequeme Fragen stellen: Wie sieht es eigentlich mit meinem Image und meinem Status aus? Bin ich bereit, all dies für die Liebe aufzugeben? Bin ich bereit, zu lieben, auch wenn das bedeuten könnte, dass ich mein Gesicht verliere? Wenn wir ehrlich sind, sollten wir zumindest schlucken und tief durchatmen, bevor wir mit ‚Ja‘ antworten. Wir wollen schön sein, wir wollen erfolgreich sein, wir wollen, dass die Welt bewundernd auf uns schaut – oder?

von Boris Fittkau

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