Enneagramm Typ 1
– Der Archetyp des Herrschers

Der Weg der „Heiteren Gelassenheit“

Dieser Weg spricht Menschen an, denen in ihrem Leben zunächst nichts ferner liegt als „Heitere Gelassenheit“. Sie sind selten heiter, noch seltener gelassen. Sie sind im Gegenteil angestrengt bemüht um Selbst-Verbesserung. Sie gehen den Weg eines Perfektionisten.

An Punkt EINS ist meine Aufmerksamkeit zwanghaft auf das Unvollkommene und Fehlerhafte in mir und in anderen gerichtet und darauf, diese Unvollkommenheiten auszumerzen. Ich decke meine Fehler und Schwächen auf, und dann beginne ich, mit Härte und Disziplin an mir zu arbeiten. Durch Arbeit und Mühe werde ich ein besserer Mensch, ein heiligerer Mensch. Und ich erkenne die Fehler anderer und belehre sie, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein – immer zornig darüber, daß niemand (am wenigsten ich selbst) meine hohen Maßstäbe erreicht.

Typ EINS im Enneagramm spiegelt den Versuch des Menschen, sich selbst und andere zu verbessern und durch Bemühung weiterzukommen, z.B. auf dem spirituellen Weg. Gnadenlose Urteile mir selbst und anderen gegenüber, keine Fehler verzeihen, niemals ausruhen. Ausruhen darf nur derjenige, der gearbeitet hat! Erst die Arbeit – und dann kein Vergnügen!

Der Weg der „Heiteren Gelassenheit“ meint Loslassen – das Loslassen fester Vorstellungen über Richtig und Falsch, das Aufgeben aller Bemühungen um Selbst-Verbesserung. Gelassenheit ist heilsam, gerade im Angesicht eigener und fremder Unzulänglichkeiten. Dies ist eine innere Haltung, in der der Mensch beginnt, das, was in ihm auftaucht, willkommen zu heißen, anstatt es zu bewerten und zu verurteilen.

Besonders Menschen, die stark vom „Inneren Richter“ (Über-Ich) beherrscht werden, benötigen diese Tugend. Heitere Gelassenheit bringt Entspannung für einen angestrengten Geist, der verlernt hat, das Leben zu genießen und sich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Im Willkommenheißen der eigenen Unvollkommenheit entdecken wir unsere Vollkommenheit, und dies bedeutet das Ende eines mühsamen Weges und das Ankommen bei uns selbst.

„Es gibt nichts zu tun –
du bist vollkommen,
so wie Du bist!“

Wahre und falsche Autorität

An Punkt 1 finden wir die Autorität des gütigen Herrschers, der seine Untertanen als Vaterfigur regiert, der Recht spricht und Gerechtigkeit walten läßt. Hier finden wir eine Autorität, die durchaus auch Strenge an den Tag legen kann, allerdings zum Wohle der Mitmenschen. Auf der Schattenseite finden wir hier den Mißbrauch von Autorität zur moralischen Kontrolle des triebhaften Anteils im Menschen. An Punkt 1 ist Autorität = Autoritär. Es ist die Autorität des Dompteurs, der Abweichungen von der Dressur nicht duldet und hart bestraft. Autorität wird mißbraucht, um ein moralisches Weltbild von Gut & Böse und Richtig und Falsch zu etablieren und Abweichler gnadenlos zu verfolgen. Die heilige Inquisition ist ein Beispiel des Machtmißbrauches an Punkt 1.

Begegnung mit Liebe

Der Archetyp des Herrschers. Gerecht und gütig, aber auch streng und kompromisslos, wenn es darum geht, die Umstände anzuschauen, die nicht im Lot sind. Liebe an Punkt EINS erscheint als Strenge und Gerechtigkeit, als Disziplin, und damit als Erziehung im besten  Sinne des Wortes. Punkt EINS zeigt uns, dass Liebe einen Rahmen braucht, und durchaus auch aus Arbeit und Bemühung bestehen kann. Liebe braucht das Sich-einlassen und die Konsequenz, an den Dingen zu arbeiten, die noch nicht vollkommen sind. Gleichzeitig spiegelt uns Punkt EINS aber auch, wie Liebe zerstört werden kann – nämlich durch den ewigen Versuch, den Gegenüber ändern und verbessern zu wollen, ihn eben nicht so zu lassen, wie er ist. Für eine EINS, wie auch für jeden von uns bedeutet Liebe immer wieder ein Loslassen unserer Vorstellungen von Richtig und Falsch, von Gut und Böse. Und die Frage, die die Liebe an uns richtet ist: Sind wir bereit dazu? Sind wir bereit, den Partner so zu lassen wie er ist, auch wenn er nicht unseren Vorstellungen entspricht? Sind wir bereit aufzuhören, ihm seine Fehler um die Ohren zu hauen und ihn verbessern zu wollen? Bin ich bereit zu lieben?

von Boris Fittkau

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